Artikel vom 04.04.2002:

Reifeprüfung für Firmengründer


Das Projekt „Start“ hilft jungen Firmen in Vorpommern auf die Sprünge. Aus Schwerin fließen weitere zwei Jahre Fördergelder in das Programm.

Greifswald (OZ) „Mein Polo“ nennt Erik Seidel den Biedermeier-Schrank, der in Einzelteilen in den Schraubstöcken seiner Werkstatt klemmt. Seidel ist Restaurator, macht aus schrottreifen Möbeln Schmuckstücke fürs Wohnzimmer. Wenn er den Schrank wieder zusammengebaut hat, wird das antike Stück fast den Wert eines Kleinwagens haben. „Viele meiner Kunden sind Privatleute, die so etwas geerbt haben. Da hängt Herzblut dran“, sagt der junge Chef. Seine Bilanz: Nach zwei Jahren schreibt seine Firma Reskon jetzt schwarze Zahlen.

Ein Stück dieses Erfolges verdankt der 32-Jährige dem Gründerprogramm „Start“, einer Initiative des Technologiezentrums Vorpommern (TZV). Ursprünglich sollte sie Greifswalder Hochschulabsolventen den Sprung aus dem Hörsaal in die Selbstständigkeit erleichtern. Mittlerweile hat sich „Start“ auf ganz Vorpommern ausgedehnt und steht auch Studenten ohne Abschluss offen. Das Wirtschaftsministerium in Schwerin sichert jetzt Fördergelder für das Projekt bis Ende 2004 zu.

„Mutig“ nennt TZV-Geschäftsführer Mario Kokowsky diesen Schritt. „Die Fördermöglichkeiten bei uns in M-V sind für Gründer zwar reizvoll. Aber wegen der zahlreichen Pleiten scheuen viele das Risiko.“

Erik Seidel, Gründer der Firma Reskon, kam 1999 zum „Start“-Team. „Zuerst musste ich einen Fragebogen ausfüllen, auf dem stand: Bin ich ein Cheftyp?“, erinnert sich der Restaurator. „Das war wie bei einer Prüfung.“ Kathleen Schloricke, vom TZV als Projektleiterin für „Start“ eingestellt, erklärt: „Wir beurteilen Gründer nach drei Kriterien: fachliche Kompetenz, betriebswirtschaftliches Wissen und Persönlichkeit. Wenn es Nachholbedarf gibt, vermitteln wir eine Weiterbildung.“

Auch Erik Seidel musste für ein Jahr auf die Schulbank. In Stralsund lernte er Buchführung und EDV. „Während dieser Zeit konnte ich mich um vieles kümmern: Geschäftsräume suchen, einen Businessplan erstellen, erste Aufträge akquirieren“, sagt er. „Ohne die 1100 Mark, die ich monatlich bekam, wäre das nicht drin gewesen.“

Im zweiten Schritt greift „Start“ den Existenzgründern bei der Marktanalyse unter die Arme. Fachleute finden sich

im Technologiezentrum Vorpommern oder bei einem der neu gewonnenen Partner – dem Stralsunder Innovations- und Gründerzentrum und dem Biotechnikum Greifswald.

Dritter Punkt, bei dem „Start“ hilft: das Konzept. „Es muss wirklich gut sein, um Banken und Geschäftspartner zu überzeugen“, weiß Kathleen Schloricke. Ihr Chef Mario Kokowsky sieht „Start“ sogar als Gütesiegel für Geschäftsideen: „Wenn unser Logo auf einem Konzept steht, dann muss jedem klar sein: Diese Idee wurde geprüft und hat ihre Chance am Markt.“

Wie viele Unternehmen bisher über das Programm gegründet worden sind, will Kokowsky nicht sagen. Die Anzahl sei nicht allein bezeichnend für den Erfolg. „Wir setzen nicht auf Masse, sondern auf beständige Unternehmen.“

Wie die Firma Reskon. Als Gründer möchte Erik Seidel sich nach zwei Jahren nicht mehr bezeichnen. „Jetzt stehen die Zeichen auf Wachstum. Sobald ich mir ein Polster erwirtschaftet habe, investiere ich in den Maschinenpark.“ Also doch kein neuer Polo? „Das Auto ist mir nicht so wichtig. Hauptsache, in der Firma geht's voran.“

OLIVER DRÄGERT

Quelle: Ostseezeitung

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